Ton läuft, Kamera läuft, Klappe uuund… Aktion!

Irgendwann denkt man, man hätte alles gesehen, was es so an Rollenspielen – ich rede hier von denen mit Papier, Stift und Würfeln – gibt. Mal muss man einen Wert unterwürfeln, mal überwürfeln. Mal zählt man Punkte zusammen und ein andermal Erfolge. Mal nimmt man W6, mal W10, W20 oder Würfel mit seltsamen Symbolen. Mal ist es Fantasy, mal SciFi oder Cyberpunkt. Mal ist man ein Mensch, dann wieder ein Zwerg, eine Elfin oder ein Pony. Mal sind die Bücher eher schlicht, mal richtige Kustwerke. – Am Ende ist es aber immer eine Variation des gleichen Grundprinzips. Also dessen, was wir als Pen&Paper-Rollenspiel kennen.

Dachte ich zumindest.

Denn letzte Woche bin ich zufällig über ein Rollenspiel gestolpert, was mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Denn dieses Rollenspiel ist ein klein wenig anders. Nicht von den Regeln oder dem Setting an sich, sondern darin, wie es mit dem Thema Rollenspiel und der Rolle der Spieler innerhalb des Spiels umgeht.

New Hong Kong Story

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe „New Hong Kong Story“ (kurz NHKS) noch nicht gespielt, sondern bisher nur das Grundregelwerk und einige Rezensionen gelesen, sowie Videos zu und über NHKS geschaut. Daher wird es an dieser Stelle um eine Vorstellung des System und meinen ersten Eindruck gehen. In weiteren Teilen verliere ich dann noch ein paar Worte zur Aufmachung und zum angebotenen Material zu „New Hong Kong Story“ .

New Hong Kong Story“ ist ein deutsches Indie-Rollenspiel vom Black Mask Verlag, das nach einigen Jahren Entwicklung seit 2018 auf dem Markt ist. Christian Blaßmann – der Autor – bringt das Spiel und Erweiterungen im Selbstverlag raus und hat damit auch schon mehrere Preise (u.a. Tanelorn-Rollenspiel-Preis 2018 und Goldener Stephan 2020) gewonnen.

Aber worum geht es überhaupt?

NHKS spielt mehr oder weniger in der Jetzt-Zeit und in Hongkong. Alle Charaktere sind Menschen – und damit meine ich tatsächlich Menschen wie du und ich… mehr oder weniger. Denn dem Namen des Spiels folgend sind die Charaktere vorzugsweise asiatischer Abstammung (Hongkong, China, Korea, Japan, etc.) und beherrschen mindestens eine Martial Arts Kampfkunst (zumindest rudimentär). Außerdem haben sie ein gewisses Verständnis von Chi, also dem Fluss der Energie und der Einheit von Geist und Körper. – Aber keine Sorge, darum geht es gar nicht in dem Spiel!
So kann man natürlich auch Charaktere anderer Abstammung spielen, aber weil diese sich meist etwas schwerer mit den asiatischen Denk- und Lebensweisen tun, gibt es für solche Charaktere spezielle Nachteile, aber auch Vorteile.

Kurz: Man spielt Menschen, ganz normale Menschen, keine Magie, keine Psi-Kräfte, keine Alien-Technologie, nix. Ja, wow, klingt super spannend, ich weiß… und es kommt noch besser: Alle Charaktere haben auch den gleichen Beruf!

Japp! Alle Charaktere sind Schauspieler.

Und dementsprechend heißt der Spielleiter in NHKS auch nicht Spielleiter sondern Regisseur. Und die Abenteuer und Kampagnen heißen Filme und Serien.

Und das ist für mich jetzt das spannende an der Idee dahinter: Die Spieler spielen Schauspieler, ganz normale Menschen. Sie können nicht Zaubern, haben keine übernatürlichen Fähigkeiten, sind keine Halb-Götter aus Asgard, haben keinen unzerstörbaren Schild aus Vibranium und keine fliegende Power-Rüstung – ABER ihre Rolle im nächsten Film könnte das alles haben oder können!
Das heißt, der Schauspieler muss nicht fliegen können, aber wenn er an Seilen vor dem Greenscreen hängt, kann das die Figur, die er spielt. Er muss auch kein hyper-intelligenter Techniker sein, um eine Iron-Man-Rüstung bauen zu können oder sich wie Neo schneller als jeder Mensch bewegen können, um den Kung-Fu-Schlägen eines Agenten ausweichen zu können, aber wenn sich der Schauspieler mit Technik auskennt oder selber Kung-Fu kann, dann fällt es ihm natürlich leichter, die Rolle glaubwürdig und gut zu verkörpern.

Was ist das Ziel?

Als Charakter/Schauspieler ist es das Ziel der Spieler, in einem guten Film oder einer tollen Serie mitzuspielen, vielleicht berühmt zu werden und einen Hong Kong Film Award – oder einen der anderen Preise – zu gewinnen und zum Publikumsliebling aufzusteigen. Dazu hat jeder Spieler einen Charakterbogen, Schauspielerbogen genannt. Der spiegelt seine Werte und seine Filmkarriere in der echten Welt wieder.

Und mit diesen Schauspielern wird dann ein Film oder eine Serie gedreht – das, was man in anderen Rollenspielen als Abenteuer oder Kampagne bezeichnen würde. In diesen Filmen (ich sage jetzt der Einfachheit halber immer Film, statt Film & Serie) gibt es neben den üblichen Statisten und kleinen Sprechrollen (NSCs) natürlich auch Haupt- und Nebenrollen mit Rollenbögen. Das sind die Figuren innerhalb des Films und beschreiben, was ein Schauspieler in seiner Rolle kann, dessen Hintergrund, dessen Fähigkeiten, Ausrüstung, usw. – alles INNERHALB des Films. Dadurch kann er in seiner Filmrolle dann Dinge, die er im normalen Leben nicht (z.Bsp. Zaubern, Hubschrauber fliegen) oder schlechter (z.Bsp. Auto fahren, Kung Fu) kann.
Natürlich kann ein Schauspieler die gleiche Rolle auch in mehr als einem Film spielen oder aber auch in verschiedenen Filmen verschiedene Rollen. Das, was man (als Spieler) hier spielen kann, wird also nur durch die eigene Fantasie (und „Filmtechnik“) begrenzt.

Wie soll das funktionieren?

Für das eigentliche Rollenspiel (also für die Spieler am Tisch) ist es dann so, als würde man die Rolle im Film tatsächlich verkörpern. Als Spieler spielt man also einen Schauspieler der eine Rolle spielt, die der Spieler ausspielt.

So lange man Iron Man oder Loki spielt, ist man auch Iron Man oder Loki. Dann würfelt man auch deren Proben, zaubert oder fliegt durch die Luft, wie man das mit solch einem Charakter in einem normalen Avengers-Rollenspiel auch machen würde – und im Kopf/Spiel bedeutet das so viel, als wenn die Handlungen und Reaktionen der Spieler (und des Regisseurs) genau das ist, was das Drehbuch vorgesehen hat.

Und an dieser Stelle durchbricht NHKS die 4. Wand: Wenn man einen Wurf versemmelt hat, kann man als Schauspieler rufen „Cut! Das drehen wir nochmal!“ und eine zweite Chance bekommen – sofern man als Schauspieler bereits entsprechend Einfluss hat. Auf die gleiche Weise kann man als Schauspieler auch das „Drehbuch“ beeinflussen. Da „Improvisiert“ man beim Spielen oder schlägt dem Regisseur eine Änderung der Szene während des Drehs vor, weil das doch einfach viel besser zu seinem Filmcharakter passt.

Als Spieler agiert man also auf 2 Ebenen: In der Rolle, die man in einem Film spielt und als Schauspieler, den man im Rollenspiel spielt.

Während der Filmdrehs denkt man daher auch einfach in Szenen, wie bei einem echten Film. Man muss nicht 4 Wochen durch Mittelerde wandern – es gibt kein Mittelerde! Man dreht halt einfach ein paar nette Szenen auf den Hügeln vor der Stadt, die dann am Ende rein geschnitten werden und konzentriert sich direkt auf die eigentliche Handlung (des Films). Und zwischen den Drehs kann sich der Schauspieler erholen, für seine Rolle trainieren, auf Promo-Tour gehen oder was auch immer.

Das alles geht nahtlos ineinander über und ist regeltechnisch auch entsprechend im System verankert. Wobei das System selbst bewusst einfach gehalten ist (1W20, Zielwert unterwürfeln) und vor allem schnelle Action unterstützen soll.

Warum hat mich New Hong Kong Story so fasziniert?

Mir gefällt die Idee eines Rollenspiels (Filmdreh) innerhalb eines Rollenspiels (Schauspieler). Die Meta-Ebene wird hier integraler Bestandteil des eigentlichen Spiels.

Wer kennt das nicht? – Die Heldengruppe steht vor einer verschlossenen Tür und überlegt, wie sie in den dahinterliegenden Raum gelangen kann. Jetzt könnten sich die Charaktere InGame darüber unterhalten. Aber viel öfters wird es passieren, dass sich die Spieler OutGame darüber unterhalten und damit die Immersion des Rollenspiels verlassen.
Bei NHKS ist das nicht der Fall, denn die Diskussion der Spieler wäre hier die Diskussion der Schauspieler untereinander und mit dem Regisseur über diese Szene. Man bleibt also InGame.

Dazu erschafft man sich einen real-weltlichen Charakter (Schauspieler) als Projektion des eigenen Ichs. Wie wäre es, Chris Hemsworth, Scarlett Johansson, Keanu Reeves, Jennifer Lawrence, Benedict Cumberbatch, Jackie Chan oder Lucy Liu zu sein?
Gleichzeitig kann man mit diesem Charakter dann aber praktisch jedes Genre – in einem Film oder einer Serie – bespielen. Man (der Spieler) ist immer noch dieser Schauspieler, aber als dieser spielt man eine Rolle. Und das verleiht einem Fähigkeiten, die man im „realen“ (Schauspieler-)Leben nicht hätte. Und selbst wenn man diese Ebene des Spiels (Filmdreh) verlässt, ist man (als Spieler) immer noch innerhalb des eigentlichen Spiels.

Zusätzlich ermöglicht das Spiel eine Konzentration auf die entscheidenden Momente der Handlung – also der Kampagne bzw. des Abenteuers. Dazu schaue ich mir den klassischen Ablauf eines Shadowrun-Abenteuers an: Die Charaktere treffen sich mit ihrem Auftraggeber und erfahren, was sie tun sollen. Schnitt. Dann beraten die Charaktere, wie sie den Auftrag erledigen sollen. Schnitt. Die Charaktere beschaffen Informationen und Material und bereiten ihren Run vor. Schnitt. Der Höhepunkt! Der Plan wird in die Tat umgesetzt, es gibt unerwartete Probleme und schließlich die finale Konfrontation. Schnitt. Am Ende kassieren die Charaktere ihre Belohnung.

Solche Handlung- oder Spannungsbögen findet man auch in jeder TV-Serie und jedem Kino- oder Fernsehfilm. Schaut man sich beispielsweise eine Folge A-Team an, wird man genau diesen Ablauf finden. Aber man wird – bis auf ein paar Einspielszenen, um die Zeit zu strecken – nicht den 6 Stunden Flug oder 12 Stunden Autofahrt sehen und sich die Frage stellen, was die Charaktere in dieser Zeit gemacht haben, ob sie geschlafen oder etwas gegessen haben oder ob sie in dieser Zeit auch mal aufs Klo gegangen sind. – Das ist für die Handlung nämlich völlig egal. Und wenn es doch gezeigt wird, weiß man, dass es für den Verlauf wichtig war/ist.

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